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No Future, Again?
18. Okt 20267 Min. Lesezeit

No Future, Again?

Jugendkultur war schon immer beschissen darin, stillzustehen. Bewegung erzeugt Gegenbewegung. Auf gesellschaftliche Spießigkeit folgt der Ausbruch und sobald der Ausbruch selbst zur Norm wird, steht die nächste Generation bereit, um auch diesen Zirkus wieder einzureißen.

Die Hippies wollten Frieden, sexuelle Befreiung und eine andere Gesellschaft. Make Love, Not War. Hinter all dem steckte trotz des kriegerischen Umfeldes eine erstaunlich optimistische Vorstellung: Die Welt ist kaputt, aber wir können eine bessere erschaffen. Ein paar Jahre später rotzte England ein wütendes „No Future“ über den Ärmelkanal. Das war keine abstrakte Angst vor der Atombombe, sondern die Quittung für eine Gesellschaft im Verfall: Müllberge auf den Straßen Londons, Streiks, Fabrikschließungen und das unmissverständliche Signal an die Arbeiterjugend, dass für sie schlicht kein Platz mehr vorgesehen war. Punk sagte sich: Wenn am Ende sowieso nur das Arbeitsamt wartet, warum dann brav und spießig leben wie die Eltern? Punk war dreckig, laut und vor allem nihilistisch. Wo die Hippies die Welt noch retten wollten, traute eine abgehängte Generation nicht einmal mehr den nächsten drei Monaten. Das Spießertum reagierte mit Abneigung und polizeilichen Maßnahmen. Genau das lieferte den Treibstoff: Einen echten Gegner.

Die letzten Jahre hingegen waren sehr steril. Beige Wohnung, beiges Outfit, beiges Mindset. Quiet Luxury, Pilates, Run Club, Morning Routine, Recovery Score. Selbst die Freizeit bekam KPIs. Schritte zählen, Schlaf tracken, Pace verbessern, Leistung optimieren. Dagegen ist prinzipiell kaum etwas einzuwenden. Sport ist super, Gesundheit wichtig und acht Stunden Schlaf wahrscheinlich vernünftiger, als drei Tage durchzumachen. Aber am Ende lief die kollektive Ästhetik auf ein einziges sediertes Versprechen hinaus: Fifty Shades of Beige.

Alle perfekt kuratiert, alle sportlich, alle clean, alle gleich langweilig. Bloß nirgendwo anecken. Dieser Optimierungswahn ist weniger Ausdruck einer rebellierenden Jugend als einer Generation, die ihre Rebellion bereits hinter sich hat. Menschen, die im Corporate Life angekommen sind, sich pseudomoralischen Guidelines unterworfen haben, während ihre rebellischste Eigenschaft der Konsum von Kokain in einem Hinterzimmer ist. Genau dann wird aus dem Ausbruch eben der Marathon. Die Welt lässt sich nicht kontrollieren, aber die Pace schon.

Die Jugend ist hingegen unfertig. Man verliebt sich unsterblich in die falschen Leute, hört grauenhafte Musik, baut Mist, verletzt sich und trägt Klamotten, für die man sich zehn Jahre später schämt. Man sucht nach Etwas mit dem man sich, seine Gefühle und sein Denken identifizieren kann. Man möchte anders sein, aber nicht alleine. Identifikation und Zugehörigkeit sind die wichtigsten Gründe, warum Subkulturen überhaupt entstehen. Musik, Kleidung, Sprache und Orte helfen dabei, sich selbst auszuprobieren und gleichzeitig anderen zu signalisieren, wer man ist.

In der Corona-Zeit wurde ein Teil dieser Suche in einen Bildschirm verbannt. Das Leben war plötzlich nur noch digital und Social Media die Verbindung zur Außenwelt. Aber ein paar Jahre später sehen wir klarer, was für eine merkwürdige Welt daraus geworden ist. Influencer verkaufen Authentizität als Geschäftsmodell. Marken kreieren Fake-Communities, um ihre Produkte vermeintlich authentisch wirken zu lassen. Kultur wird so verdünnt, dass sie auf einem Reel einer aussagelosen Marke nach Identität aussieht. Wir haben angefangen, die Realität für Social Media zu verändern und uns anschließend gewundert, warum sich Social Media irreal anfühlt.

Junge Menschen beginnen mittlerweile, Social Media anders zu nutzen. Sie konsumieren zwar noch unentwegt. Konsumieren ist aber nicht unbedingt dasselbe wie teilnehmen. Junge Menschen posten nämlich kaum noch selbst. Social Media, einst mit dem Ziel angetreten, die Leute zusammenzubringen, ist zur algorithmusbasierten Polarisierungsmaschinerie degeneriert, die zwar verlässlich Dopamin-Hits liefert, aber kaum noch zu eigener Kreativität zu begeistern vermag.
Man muss nicht mehr jeden Moment dokumentieren. Private Accounts, kleine Chats, Mundpropaganda und reale Treffen bekommen wieder einen höheren Wert. Dies ist eine logische Reaktion auf die totale Sichtbarkeit. Wenn jeder alles sehen kann, wird das, was nicht jeder sieht, plötzlich interessant. Das nennt man Dialektik.

Gleichzeitig war es noch nie so einfach, sich kulturell zu bilden. Ein Teenager in irgendeinem Kaff kann heute innerhalb eines Nachmittags Gabber aus Rotterdam entdecken, danach japanischen Punk, zwei Stunden lang alte Skatevideos schauen und abends bei Hip-Hop hängen bleiben. Früher brauchte man für solche Entdeckungen Jahre, ältere Freunde, Fanzines oder einfach verdammt viele Zufälle. Heute reicht WLAN. Das Internet hat sämtliche kulturellen Archive der letzten 70 Jahre für jedermann geöffnet. Das ist wunderbar. Es führt aber nicht dazu, dass wieder alle sauber sortiert in ihren Szenen stehen, eher im Gegenteil. Niemand muss mehr ausschließlich Punk, Raver, Goth, Hip-Hopper oder Metalhead sein. Dinge, die früher auf unterschiedlichen Seiten des Schulhofs stattfanden, landen heute selbstverständlich im selben Leben.

Wichtig ist allerdings, dass die Veteranen, also diejenigen, die diese Kulturen schon länger kennen und womöglich selbst erlebt haben, gelegentlich auch einfach mal die Fresse halten. „Das ist kein echter Techno“, „So sah Punk damals nicht aus“, „Früher war alles besser“. Herzlichen Glückwunsch, wir sind unsere Eltern geworden. Geschichte zu kennen ist wichtig. Aber Kultur gehört nicht denen, die sie zuerst erlebt haben. Wir Alten müssen die Bühne bauen, aber eine neue Generation muss die Möglichkeit bekommen, ihren eigenen Scheiß daraus zu machen.

Ein Problem ist nur: Sobald Subkultur keimt, steht die Verwertungsmaschine bereit. Die Industrie hat Subkulturen schon immer ausgeschlachtet, neu ist allerdings die Geschwindigkeit. Früher konnte zwischen Keller und Kaufhaus ein Jahrzehnt liegen. Heute geht irgendwo ein Look viral, Brands springen drauf und schon morgen hängt die massentaugliche Version in irgendeinem seelenlosen 08/15-Shop. Aus Zugehörigkeit wird Zielgruppe, aus einem Code wird eine Aesthetic und aus etwas, was einmal „Das sind wir“ bedeutet hat, wird „Shop the Look“. Eine Subkultur, in der sich scheinbar jeder befindet und die leicht zu konsumieren ist, ist keine Subkultur mehr, sie ist Popkultur.

Deshalb wird gerade Gatekeeping wieder interessant, obwohl Social Media es eigentlich abschaffen wollte. Zum einen als Schutz vor permanenter Verwertung. Nicht alles muss skalieren. Zum anderen erkennen wir aber nach Jahren, dass nicht nur Visibility ein Wert sein kann, sondern auch Obscurity. Nicht gefunden werden zu wollen, kann in einer Welt, in der alles kopiert und monetarisiert wird, ziemlich befreiend sein.

Allerdings wird für den erfolgreichen Rückzug auch ein Rückzugsort gebraucht. Jugendliche brauchen Orte, an denen sie einfach herumhängen dürfen, ohne permanent Kunde, Schüler oder einfach leise sein zu müssen. Jedoch steigen Mieten, Proberäume verschwinden, Jugendzentren werden kaputtgespart und Freiflächen kommerzialisiert. Subkultur entsteht selten dort, wo vorher jemand einen Businessplan geschrieben hat. Sie braucht die Kellerbar, den Club mit kaputter Toilette oder den öffentlichen Platz, der eigentlich nicht zum Skaten gedacht ist.

Skateshops sind ein gutes Beispiel. Sie waren selten reine Geschäftsräume, in denen Decks und Schuhe verkauft wurden. Sie waren auch stets Treffpunkte und Informationsbörsen. Sie sind quasi Jugendzentren ohne den Sozialpädagogen, der dir erklärt hat, wie schlecht Drogen sind. Man kam rein, hing herum, sog Musik und Videos auf und wurde ob man wollte oder nicht automatisch mit verschiedenen Subkulturen konfrontiert und von ihnen inspiriert. Man kam wegen Skateboarding und blieb wegen der Leute.

Wenn solche Orte verschwinden, kann man das Zeug natürlich immer noch online bestellen. Nur stirbt mit dem physischen Raum nach und nach auch die Kultur. Und ist die Kultur erst mal beerdigt, stirbt auch das Interesse am Produkt selbst. Ein reiner Onlineshop kann keinen Nachmittag ersetzen, an dem du dem Personal im Weg rumstehst, deine Freunde triffst und Dinge aufschnappst, von denen du inspiriert wirst. Der Schutz solcher Orte ist keine reine Nostalgie. Er verhindert, dass die nächste Generation vollends gleichgültig wird, und ist die Grundvoraussetzung für jedes zukünftige Interesse am Produkt. Denn es sind genau diese Läden, die Produkte überhaupt erst begreifbar machen und echte Fans entstehen lassen. Digitale Storefronts bieten keinen Raum für diesen Austausch. Das Internet zeigt die Tür, aber es ist nicht der Raum dahinter.

Hierzu kommt außerdem, dass jede Generation eine Reibungsfläche braucht. Dies sind meist die Generationen davor. Was passiert aber, wenn die Rebellion der Vorherigen selbst zur Institution geworden ist? Und damit landen wir wieder bei der Industrie. Sie hat jahrelang gut damit gelebt, bloß niemanden zu verschrecken. Marken wollen Kultur als Kulisse, aber nicht die kommerziell unliebsamen Aspekte, die Kultur eben auch ausmacht.  Erst recht will die Industrie nicht die Bedingungen finanzieren, unter denen Kultur entsteht. Sie wollen den lupenreinen Skater, aber nicht die Kids, die vor der Tür Lärm machen. Sie wollen den Underground-Club als Kampagnen-Backdrop, aber nicht die Lärmbeschwerden. Alle wollen Kultur, aber wer den Boden nicht düngt, kann bald nichts mehr ernten. Wenn Brands die Subkultur aussaugen, ohne die Freiräume zu schützen, haben sie in fünf Jahren nichts mehr, was sie in ihre Moodboards kleben können.

Haltung zeigt sich darin, was man tut, wenn gerade keine Kamera läuft. Dies gilt für Marken genauso wie für Läden. Wer versucht, jedem zu gefallen, wird am Ende für niemanden mehr Bedeutung haben.

Warum aber überhaupt noch rebellieren, wenn die Zukunft verbaut scheint? Rebellion braucht gar nicht die Illusion, die Welt retten zu können. Manchmal reicht ein kleinerer Satz: Wir wissen zwar nicht, was wir machen, aber so wie ihr machen wir es ganz sicher nicht. Eine Subkultur muss nicht die Welt retten. Sie schafft eine kleine Welt innerhalb der großen, in der andere Gesetze gelten. Nicht sichtbar sein, Dinge analog halten, etwas Sinnloses tun, an dem sich andere stören. Nicht weil früher alles besser war, sondern weil jede Generation das verdammte Recht haben muss, sich zu entdecken.

No Future? Vielleicht. Aber Hauptsache nicht eure!

 

Text von Martin Schreiber
Illustrationen von Sebastian Fuchs

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